Der letzte Sonnenfunke: Entfacht

»In sämtlichen Städten haben wir den Torwachen und den Soldatenpatrouillen je einen Vollstrecker beigeordnet. Zusätzlich sind auf allen Mauerabschnitten ein Kettenzauberer und ein Fallenspezialist postiert, hier und hier.«
Vernon O’Carth deutete auf mehrere mit gelben und grünen Wachskugeln versehene Nadeln. Sie steckten in einer auf weichem Holz befestigten, mannshohen Landkarte von Rokhanos, die eine gesamte Wand seines penibel aufgeräumten Arbeitszimmers einnahm. Das riesige Pergament wies tausende winziger Löcher auf. Sie stammten von anderen Nadeln, die zu früheren Einsatzplanungen auf der außerordentlich detailgenau ausgearbeiteten Zeichnung verteilt worden waren. Dann tippte er auf die Abbildung eines Mar-Ylder Trutzturms.
»In Mar-Yld mussten wir mangels Mauern auf die Türme ausweichen. Dank der dort oben angebrachten Fernrohre und dem Stadtgraben bin ich aber zuversichtlich, dass ungebetene Gäste problemlos dingfest gemacht werden können. Außerdem haben allerorts Portalspezialisten ein Auge darauf, dass keine ungenehmigten Sprünge durchgeführt werden, sei es hinein oder hinaus, und die Torwachen sind angewiesen, Ein- und Auslassprotokolle anzufertigen. Die Städte sind praktisch vollständig überwacht. Gleiches gilt in Kürze für die Rasthütten. Aktuell ist der Großteil unserer Gehilfen damit beschäftigt, dort Überwachungszauber tragende Spiegel anzubringen.«
Anerkennend schürzte Neal Morton die Lippen. »Sehr gut, Vernon. Meiner Ansicht nach sollten wir in Kjael die Zahl der Vollstrecker und der Ketten- und Fallenspezialisten allerdings verdreifachen.«
»Sir?« Fragend hob der Vorsteher der Unterwanderung die Augenbrauen.
»O’Brannick wird versuchen, das Land zu verlassen«, erklärte der Erste Vorsitzende. Er trat vor und deutete auf das schmale Band der sich im Nordwesten erstreckenden Küste. Von dem Kartenmacher waren sogar die Landungsstege für Fischerboote und Handelsschiffe abgebildet worden, was ihn jedes Mal aufs Neue beeindruckte. Vernon hatte seinerzeit ein wahrhaftiges Kunstwerk unter das Dach der Unterwanderungszentrale geholt. »Kjael hat den einzigen Hafen. Für diesen Hurensohn gibt es nur den einen Weg hier raus.«
»Mit Verlaub, Sir«, hob Vernon an. »Gestattet mir die Frage, was Euch so sicher macht, dass er nicht zunächst in der Heimat untertaucht?«
»Den zieht es raus aufs Meer«, knurrte Morton. »Das hab ich im Urin. Pisse lügt nicht.«
Tatsächlich war es kein schnödes Gefühl, das den Ersten Vorsitzenden des Zirkels der Gerechten zu dieser Annahme verleitete. Vielmehr war es das Wissen darum, dass der Dharoi’Sola in absehbarer Zeit in See stechen würde, um Gwylains Versteck zu erreichen. Immerhin hatte er Ada Wiklow bei sich. Dank Ulissa Clarances Seele war dem Nachtzauberer bestens bekannt, dass das kleine Blondchen den miesen Hund dort hinführen konnte. O’Carth würde er das jedoch sicher nicht unter die Nase reiben.
»Ein unschlagbares Argument, Master Morton«, erwiderte dieser ohne die Miene zu verziehen. »Ich werde das sofort umsetzen lassen.«
»Hervorragend. Wie steht es mit den Fahndungspergamenten?«
»Sämtliche Bildplatten sind von ardyschen Zeichnern vervielfältigt und an die übrigen Städte übermittelt worden. Vor Ort finden derzeit weitere Vervielfältigungen statt. Die ersten Flugblätter werden voraussichtlich in den frühen Abendstunden verteilt, Sir.«
Der Erste Vorsitzende nickte zufrieden. Die besagten Bilder waren mittels Nachtzauberei aus der Seele eines von O’Brannick und seinen Leuten getöteten Vollstreckers gewonnen worden und besaßen den Wert von Gold. Sie zeigten das Gesicht jedes Einzelnen der fünfköpfigen Bande in allen Details, sodass die Fahndungspergamente ihnen zusätzliche Steine in den Weg legten. Dies nicht zuletzt wegen der Belohnung, die Morton auf zur Ergreifung führende Hinweise ausgesetzt hatte. Für gewöhnlich warf er nur widerwillig so viele Rogen unter das gemeine Volk. In dieser Hinsicht machte er aber gerne eine Ausnahme.
Ein Klopfen an der in ihrem Rücken befindlichen Tür zog beider Männer Aufmerksamkeit auf sich. Wie es Vernons Art war, rief er den Besucher nicht herein, sondern huschte um den in der Zimmermitte postierten, halb unter einem Berg ordentlich drapierter Papiere verborgenen Schreibtisch herum und öffnete dem Besucher die Tür. Auf dem Flur stand ein junger Mann, den Morton als einen der Unterwanderung zugeordneten Gehilfen erkannte.
»Arden«, grüßte Vernon ihn beim Vornamen. »Was gibt es, Junge?«
»Das soll ich Euch von Mr. Crook bringen, Sir«, antwortete der hagere Blondschopf. Er überreichte O’Carth eine mit violettem Wachsstempel versiegelte Schriftrolle.
»Ah, wie passend«, lächelte Vernon. »Richte Clint meinen Dank aus.«
Der Bursche salutierte – was der Erste Vorsitzende zugleich lächerlich und bemerkenswert fand – und eilte davon. Den Blick auf das Pergament des im Dienste des Zirkels der Gerechten stehenden Seelenlesers geheftet, drückte O’Carth die Tür ins Schloss. Anschließend brach er das Siegel und überflog die in enger Schrift geführten Zeilen.
»Interessant«, wandte er sich an Morton. »Clint hat sich Callan var Lensleys Geistnebel genauer angesehen. Offenbar treibt O’Brannick sich schon seit rund acht Jahren in Mar-Dinye herum.«
»Seit acht Jahren?«, echote der Erste Vorsitzende. »Und da fällt das die ganze Zeit über nicht einem einzigen Eurer Leute auf?«
»Bedauerlicherweise nein, Sir.«
Morton stieß ein zorniges Knurren aus. Er ließ die Fingerknöchel knacken und den Blick durch das Zimmer schweifen. Ein Regal neben der Tür. Der Schreibtisch mit einem schlichten, gepolsterten Sessel auf der einen und drei polsterlosen Stühlen auf der anderen Seite. An der Wand rechts und links der Karte mehrere schmale Schränke. Überall Pergamentrollen und Bücher. Er schnaubte leise und biss die Zähne zusammen. Sie hätten den Dharoi’Sola schon so viel früher erledigen können, hätten die verfluchten Schwachköpfe in Mar-Dinye ihre Arbeit anständig gemacht. Ein Wutanfall wollte in seiner Brust heranwachsen, aber Morton bewahrte Ruhe. Jetzt die Fassung zu verlieren, wäre nichts weiter als verschwendete Energie. Davon abgesehen würde er sich selbst ins Fleisch schneiden, wenn er aus Frust Vernons wertvolle Schriftführung verwüstete. Außerdem standen die Dinge momentan besser, als er nach der Entdeckung von Wiklows Verschwinden zunächst geglaubt hatte. Wenn das kleine Miststück O’Brannick nach Kjael führte – wovon auszugehen war – bekam er den Kerl schließlich auf dem Silbertablett serviert.
»Ach, was soll’s«, brummte er. »Redet weiter.«
O’Carth atmete beruhigt auf. Er räusperte sich und setzte seinen Bericht fort. »Nun, Clint schreibt, dass unser Freund Nick Duncan für var Lensley den Stadtoberalchemisten von Mar-Dinye – einen gewissen Reamonn Leighs – ausspioniert und minutiös darüber Bericht erstattet hat.« Er hielt kurz inne. »Von diesem Mann hörte ich schon mal. Er soll eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein. Na, wie dem auch sei. Zuvorderst ging es wohl darum, Leighs ein paar Geheimnisse seines Schaffens zu entlocken und sie dem Alchemistenhaus von Mar-Loxas zuzuspielen. Man wollte sich einige Kniffe aneignen, um sie später an die Meistbietenden zu verkaufen, bevor Leighs seine neuen Erkenntnisse selbst publik macht.«
»Var Lensley war schon immer ein rogensüchtiger Trottel«, grollte Morton.
»Treffende Worte, Sir. Jedenfalls … So wie es scheint, ist Duncan während seiner Tätigkeiten aufgefallen, dass dieser Leighs den Hang dazu hatte, wiederholt einem Fiagi namens Gusvig Jones und dessen Logenbruder das Leben schwer zu machen. Weiterhin hat der Stadtoberalchemist über Erstgenannten zahlreiche Nachforschungen angestellt. Wann er nach Mar-Dinye kam. Woher. Warum. Allerlei in diese Richtung, und dies ebenso erfolgreich wie vielsagend. Langer Rede, kurzer Sinn: Duncan fand heraus, dass Leighs die Vermutung hegte, Jones sei in Wahrheit O’Brannick, was letztlich Bestätigung fand. Den Rest der Geschichte kennen wir.«
»Nick Duncan.« Der Erste Vorsitzende ließ sich jeden Buchstaben auf der Zunge zergehen. »Ich wüsste zu gerne, wohin der verdammte Mistkerl verschwunden ist.«
»Nach den Ereignissen in Mar-Loxas wurde er gesehen, wie er vor zweien unserer Gehilfen floh. Später fand man die armen Hunde ihrer Hände beraubt durch die Straßen irren. Seither gibt es keine Spur mehr von ihm, aber wir halten weiter Ausschau.«
»Vernon, Ihr seid ein Segen für einen alten Mann«, seufzte Morton und klopfte dem Vorsteher der Unterwanderung auf die Schulter. »Gebt Bescheid, sobald es Neuigkeiten gibt.«
»Selbstredend.« Der Erste Vorsitzende setzte zum Gehen an, als O’Carth noch nachlegte: »Sir, wollen wir etwas wegen O’Brannicks Logenbruder unternehmen? Ich könnte nach ihm suchen lassen. Vielleicht verschafft uns das einen Vorteil.«
»Nicht nötig«, lehnte Morton ab. »Ich gehe davon aus, dass der dritte Mann auf den Bildplatten sein Jagdkumpan ist. Das wäre vertane Zeit.«
»In diesem Fall könnte ich die näher mit ihnen bekannten Fiagi verhören lassen. Möglicherweise gibt es in Mar-Dinye irgendwelche engeren, uns unbekannten Verbindungen, die von Nutzen wären.«
Der Erste Vorsitzende ließ sich Vernons Vorschlag einen Moment lang durch den Kopf gehen, bevor er seine Entscheidung traf. »Konzentriert Euch darauf, den lichtgeküssten Drecksack zu erwischen. Von mir aus könnt Ihr die Vollstrecker in der Gegend dazu anhalten, genauer hinzuhören, wenn sich die Fiagi unterhalten. Aber ansonsten lasst Ihr den Haufen in Frieden. Diese Männer haben mit ihrer Arbeit schon genug Scheiße am Stiefel.«
»Wird erledigt, Sir.«
Die beiden Nachtzauberer tauschten zum Abschied ein Nicken, und Morton kehrte zum ardyschen Königspalast zurück.
Obwohl der Dharoi’Sola ihn inzwischen gut ein Dutzend Vollstrecker, drei Kettenspezialisten, zwei Fallenzauberer und jede Menge Blut und Nerven gekostet hatte, fühlte er sich beschwingt, wie schon lange nicht mehr.
Dieses Mal war der widerliche Bastard so gut wie tot, daran bestand gar kein Zweifel. O’Carth leistete herausragende Arbeit. Innerhalb nur eines auf O’Brannicks Flucht aus Vae-Khest gefolgten Tages hatte er das mit Abstand dichteste Überwachungsnetz auf die Beine gestellt, das Rokhanos je gesehen hatte. Zudem würde jeder halbwegs gescheite Bürger des Landes die Augen nach dem Lichtzauberer offen halten ‒ allein schon wegen der winkenden Rogen ‒, und schlussendlich ruhte in Mortons Ärmel noch eines dieser berühmt-berüchtigten Asse.
Die Erfahrung hatte gezeigt, dass der letzte Dharoi’Sola nicht auf den Kopf gefallen war. In der Vergangenheit hatte er oft genug vermeintlich idiotensichere Fallenkonstrukte durchschaut und unbehelligt die Flucht angetreten. Dem wollte der Erste Vorsitzende entgegenwirken. Ungeachtet aller Vorkehrungen und dem Wissen, welches Ziel O’Brannick ansteuerte, würde er ihn jagen. Und zwar auf eine Weise, die für Neal Morton noch Jahre zuvor bloß ein feuchter Traum gewesen wäre.