Der letzte Sonnenfunke: Entflohen

Der Klang der drei kurzen, harten Schläge zum Dreiviertel der sechsten Stunde kam dem Hammerschlag eines urteilenden Richters gleich. Wieder hatte sie eine dieser Nächte hinter sich, die sie so oft seit ihrem Unfall plagten. Durchwachte Stunden, in deren Verlauf zwei Seelen um die Vorherrschaft über ihren Körper rangen. Einzig eingedämmt durch den vom just ertönten Glockenklang angekündigten morgendlichen Wachwechsel und dem damit verbundenen Beginn eines neuen Tages.
Wenn es still war im Sanatorium. Wenn die Patienten schliefen. Wenn die meisten der Doktoren daheim bei ihren Lieben weilten und das für die Nachtschicht zuständige Wachpersonal ein Auge darauf hatte, dass niemand Unbefugtes das Gebäude betrat oder verließ. Dann war es am Schlimmsten. Dann schrie die Stimme der Anderen am Lautesten. Es gab Momente, da konnte sie der Anderen nicht länger widerstehen. Sie musste sie durchbrechen lassen, um nicht den Verstand zu verlieren. Schon die kontrollierten Wechsel, die sie nur zum Wohl ihres eigenen Geisteszustands erlaubte, waren außerordentlich unangenehm. Jedes Mal fühlte sie sich wie eine achtlos in die Ecke geworfene Marionette. Wie ein ungebetener Besucher in einem fremden Leben, obwohl es in Wahrheit ihr gehörte. Ihre Existenz. Ein Dasein, das eigentlich nur sie selbst lenken dürfte, das aber von einer unerwünschten Kraft korrumpiert worden war. Sie schnaubte verächtlich. Als ob es nicht längst reichte, dass die Andere ihr erfolgreich den Mund verbot.
Sie kannte so viele Geheimnisse, von denen sie kein Wort über die Lippen brachte. Egal, wie sehr sie es wollte. Aber es gab auch Dinge, deren Aus-sprache die Andere billigte. Die sie sogar verlangte, um sich an den Worten zu ergötzen. Der Triumph über das Leben zum Beispiel. Der Bericht, wie sie und ihre Gleichgesinnten es über Jahre hinweg zermürbt hatten, bis es den Tod verfluchte. Wie sie ihm vorübergehend seine Macht stehlen konnten, um die Sonne zu zerstören, und wie das Leben selbst am Ende zum Gefangenen wurde. Sie wusste, wo man es versteckt hielt. Sie kannte den richtigen Pfad, sah das mit einem Sonnenfunken versiegelte Tor förmlich vor sich. Dass nur ein Dharoi’Sola es zu öffnen vermochte, das war ihr noch über die Lippen gekommen. Den Rest hingegen, den Ort, den Weg dorthin. All das brachte sie bis heute nicht heraus. Jede Anstrengung war vergebens. Die Andere blieb stärker.
Am Schlimmsten waren jedoch die Momente, in denen sie die Kontrolle verlor und die Andere ohne ihr Zutun durchbrach. Sie bemerkte sie erst, wenn es passiert war. Wechsel wie diese stellten die wahre Grausamkeit dar. Sie gaben ihr das Gefühl, nicht mehr als ein willenloses Stück Fleisch zu sein, mit dem jeder nach eigenem Gutdünken verfahren konnte. Eine Vorstellung, die für sie schrecklicher war als der Tod.
Keiner der Wechsel, ob gestattet oder nicht, hinterließ Erinnerungen daran, was sie gesagt oder getan hatte. Sie wusste bloß, dass der Wandel stattfand. Die Andere verriet ihr kein Sterbenswörtchen über ihre Taten. Solange niemand bei dem Tausch zugegen war, tappte sie im Hinblick auf die damit verbundenen Vorfälle im Dunkeln. Nur vage Spuren blieben hiervon zurück. Kleine, im Schutz der sie umgebenden vier Wände verborgene Zeichen. Teils waren es unvermeidbare Fragmente gescheiterter Fluchtversuche. Teils waren sie absichtlich gestreut, um sie ein bisschen näher an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Es war eine Form der Strafe, wie sie nur der Anderen einfallen konnte. Ihre Art der Genugtuung für die Tatsache, dass sie nichts weiter darstellte als einen unerwünschten Gast in einem Körper, der sie nicht haben wollte.
Ada Wiklow schnaufte traurig. Sie zog den roten Strickmantel, der ihre schlichten Kleider größtenteils verdeckte, etwas enger um die Schultern. Währenddessen trat sie an das kleine, vergitterte Fenster, durch dessen verdreckte Scheibe das ewige Glühen des Vae-Khest erhellenden Sonnenglases drang. Gedankenverloren spielte sie mit dem Ende ihres zu einem langen, dunkelblonden Zopf geflochtenen Haares und schaute aus haselnussbraunen Augen auf den fünf Stockwerke tiefer liegenden Innenhof. Wie das Sanatorium besaß er die Form eines Kastens. Bunte Gewächse, Gräser und duftende Blumen umringten zwei gepflasterte Wege. Sie waren so angelegt, dass sie von oben gesehen dem großen ›X‹ auf einer dieser Schatzkarten glichen, die Kinder manchmal für ihre Spiele malten. Nicht mehr lange, dann würden die ersten Patienten durch den kleinen Garten stromern. Sie würden Unkraut jäten, die Pflanzen pflegen oder nur ihren Anblick oder die feinen Gerüche genießen. Sie würden frische Luft atmen, die Blicke gen Himmel wenden und das Sternenzelt betrachten können, das über dem die Stadt umspannenden Leuchten thronte.
Ada hingegen verließ ihr Zimmer nie. Sie blieb allein mit ihren Kerzen, ihrem schmalen Bett, der Badenische, einem großen, weich gepolsterten Sitzmöbel und dem schon etwas wackeligen, niedrigen Tisch. Er trug viele Bücher, die ihr das triste Dasein etwas erträglicher machten. Gefangen in der Ruhe dieses Raumes wartete sie darauf, dass man ihr die täglichen Mahlzeiten brachte. Jetzt schon sehnte sie die Wochenmitte herbei, zu der sie ihre einzigen Besucher empfangen durfte. Zumeist handelte es sich dabei um den guten Patrick Fitzwalther, der stets mit einem Stapel neuer Bücher unter dem Arm erschien. Manchmal kamen auch Ulissa Clarance oder Siobhán Daneery. Sie brachten ihr Leckereien, frische Kleider, neue, mit herrlichen Düften versehene Kerzen, deren warmer Schimmer Adas aufgewühlten Geist beruhigte. Allen dreien gemein war, dass sie mit ihr redeten. Niemand sonst hier tat das. Nur sie. Sie redeten mit ihr, aber auch mit der Anderen. Mit Berynn Karlyde. Zumeist wusste Ada darüber Bescheid, ließ den Wechsel freiwillig zu. Bei anderen Gelegenheiten erfuhr sie erst davon, wenn das Gespräch vorüber war.
So sah nun ihr Leben aus. Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche verbrachte sie versteckt im Südtrakt des Sanatoriums. Oftmals haderte Ada mit dem ihr aufgebürdeten Schicksal. Besonders nach Nächten wie dieser. Nächten, in der ihre und die Seele der Anderen miteinander gestritten hatten wie fresswütige Scáth um ihre Beute. Wären die Gitter vor dem Fenster nicht gewesen. Hätte man ihr zu ihrer eigenen und der Sicherheit anderer keine magischen Ketten angelegt und das Zimmer nicht mit hochwirksamen Zaubern versiegelt, hätte sie sich längst in den Tod gestürzt. Zwar wären dadurch sämtliche Pläne des Zirkels der weißen Katze vereitelt worden. Doch nach solchen Nächten interessierte Ada nichts von alldem. Bis sie sich an die Lichtblicke erinnerte. Die Besuche ihrer Freunde vom Zirkel. Die ernstgemeinten netten Worte. Die Geschenke. Das Leuchten der Zuversicht in ihren Augen. Die Tatsache, dass noch immer ein lebender Sonnenfunke auf dem Weltenrund wandelte und Reamonn Leighs ihn hatte finden können.
Sie hatte ein bitteres Los gezogen. Dennoch ließ der Gedanke, Teil einer letzten Hoffnung zu sein, ihre Qualen als das kleinere Übel erscheinen. Der Preis, den sie gezahlt hatte, war gering im Vergleich zu der Aussicht, womöglich das Leben zu befreien und die Sonne retten zu können. Stellte sie sich vor, das glühende Rund eines Tages wieder am Himmel zu sehen, vermochte das zeitweilig sogar ihren drängenden Todeswunsch in die Schranken zu weisen. Vielmehr spornte diese Fantasie sie an, weiterzukämpfen und stark zu bleiben. Es war gewiss keine leichte Aufgabe. Ada schwebte in einem ständigen Auf und Ab der Gefühle, dem sie nur zu gerne entflohen wäre. Aber tief in ihrem Herzen wusste sie, dass es ihre Pflicht war, durchzuhalten. Wenn sie schon leiden musste, dann wenigstens nicht sinnlos.
Ein unvermittelt auf dem Flur ertönender Schrei entlockte der Nachtzauberin ein dünnes Seufzen. Derartige Geräusche waren in diesem Haus an der Tagesordnung. Viele der hier lebenden Menschen schrien ohne ersichtlichen Grund. Manche schlugen immer wieder um sich oder redeten wirr. Im Hof hatte sie schon häufig Patienten gesehen, die nichts weiter taten als mit fest um den Körper geschlungenen Armen auf einer Bank zu sitzen und sich hin und her zu wiegen. Wieder andere wurden von Weinkrämpfen geschüttelt, kreischten vor lauter Zorn oder Furcht drauflos. Dies alles wegen Dingen, die nur ihre Augen wahrnehmen konnten. Weil sie nicht real waren, sondern alte – fremde – Erinnerungen ihr Innerstes vergiftet hatten.
Der Großteil der Bewohner des Sanatoriums war in den ersten Jahren nach dem Sonnenfall geboren worden. Nachdem Leben und Tod mit dem Niedergang des goldroten Regens aus Sonnenscherben verschwunden waren, hatten sich Dharoi’Chairas und Alchemisten schon früh zusammengetan. Ihre Pläne sahen vor, die Arbeit der beiden Wesen fortzusetzen und die zurückgebliebenen Seelen Verstorbener in die Körper neugeborener Kinder einzupflanzen.
Bald stellte sich heraus, dass sie hierzu Nekromantie gebrauchen mussten. Allein die bis dahin strikt verbotene Magieform machte es möglich, das angestrebte Unterfangen durchzuführen, sodass sie zum Zweck der Erhaltung der Menschheit legalisiert worden war. Allerdings hatten weder Alchemisten noch Dharoi’Chairas die verheerende Wirkung verlebter Seelen auf einen gerade erst im Erwachen befindlichen Geist be-dacht. Über kurz oder lang verfielen die ersten von Menschenhand beseelten Kinder einem unheilbaren Wahnsinn. Er wurde entfacht durch weit zurückliegende, auf ihr unbedarftes Dasein einprasselnde Erinnerungen, mit denen sie nicht zurechtkamen – und es niemals würden, wie sich später zeigen sollte.
Im Sanatorium von Vae-Khest waren all diese Menschen versammelt. Sie stellten die unfreiwilligen, auf ewig verdammten Leidtragenden unumgänglicher Experimente dar. Doch die Opfer der ersten auf den Sonnenfall gefolgten Kinder waren von unschätzbarem Wert. Ihr Schicksal bot den Grund dafür, dass man das Verfahren der Seelenreinigung entwickelt hatte. Anfangs noch durch die Dharoi’Chairas mittels Nekromantie ausgeführt, waren die von alten Erinnerungen gesäuberten Seelen zwar nicht perfekt, aber durchaus brauchbar. Trotzdem arbeitete man weiterhin an der Verfeinerung des Vorgangs.
Zur Mitte des Jahres 5 DZ führten aufschlussreiche Forschungen dazu, dass das Reinigen der Geistnebel fortan den Alchemisten zufiel. Ihre Ergebnisse präsentierten sich als nahezu vollkommen, sodass nekromantische Zauber nur noch für die Verbindung von Seele und Körper nötig wurden. Zu verdanken war das ausgerechnet den Scáth der Kategorie Fünf. Ein ideenreicher Alchemist hatte herausgefunden, dass ihre Innereien besondere Säuren produzierten und sich deren Eigenschaften für die Arbeit an den Geistnebeln zunutze gemacht. Eine Methodik, die von Entdeckung an unübertroffen blieb.
Während Ada in Gedanken versunken an die jüngste Geschichte ihres Landes aus dem Fenster starrte, wurden auf dem Flur neuerliche Schreie laut. Verwundert schaute sie zur Tür. In ihrer Magengrube machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Mittlerweile kannte sie den unter dem Dach des Sanatoriums vorherrschenden Lärm in- und auswendig. Was sie da hörte, war nicht das übliche Geschrei, sondern panisches Geheul.
»Was geht da vor sich?«, murmelte sie.
›Sie kommen mich holen.‹
Wie vom Donner gerührt zuckte Ada unter Berynns frohlockender Stimme zusammen.
»Halt den Mund, du Miststück«, fauchte sie. Die Nachtzauberin wünschte sich inständig, Berynn würde es spüren, wenn sie sich selbst ohrfeigte. Unterdessen bemerkte sie das Erwachen eines unangenehmen Kitzelns in der Brust, entfesselt durch Karlydes Aufbegehren.
›Sie haben uns gefunden, Schlampe‹, zischte Berynn. ›Sie bringen mich nach Hause.‹
Das Kitzeln wurde zu einem schmerzhaften Stechen, so als wollten sich schartige Reißzähne vom Inneren ihres Körpers nach außen fressen. Ada wusste aus leidvoller Erfahrung, was das bedeutete. Berynn konnte keinen unkontrollierten Wandel herbeiführen, und einen kontrollierten ließ Ada nicht zu, sodass Karlyde mit aller Macht versuchte, Wiklows Willen zu brechen. Im selben Moment begannen die Wände zu flimmern. Ada fühlte das sandige Prickeln kraftvoller Zauber auf der Haut. Sie sah Schlieren verdichteten Nacht-äthers, die sich mühsam durch die Versiegelung zwängten. Hinter ihrer Stirn erklang ein schrilles Singen, das sie nur langsam als das überlegene Gelächter Berynns erkannte. Von außen hämmerte jemand gegen die Tür, bearbeitete das knirschende Holz zugleich mit Zauberei und roher Gewalt.
»Ich bin hier!«, hörte Ada sich schreien.
Wässriger Schwindel wallte unter ihrer Schädeldecke auf und ließ ihren Blick verschwimmen. In ihrer Brust verlagerte sich das Gleichgewicht. Es schwappte über zu der finsteren Seite, die sie kaum noch zu bändigen vermochte.
»Nein!« Ihre Worte bebten vor Verzweiflung. »Du kommst nicht frei! Keine von uns! Nein!«
Ada kippte der Boden unter den Füßen weg. Die Welt stellte sich auf den Kopf und stülpte sich einem schmutzigen Sack gleich über sie. Die Nachtzauberin hörte noch das Bersten von Holz, als die Zimmertür grob aus den Angeln gerissen wurde. Dem folgte ein Lachen des Obsiegens, geschaffen durch ihre eigene Stimme und doch so unendlich fremd.
»Master Morton? Wir haben sie.« Die Worte eines Mannes. Sie drangen aus weiter Ferner heran. Kurz lauschte er einer für die Nachtzauberin unverständlichen Antwort, ehe er abermals sprach. »Danke Sir. Ich wünsche Euch gutes Gelingen.«
Draußen schlug die Glocke zur siebten Stunde. Bleierne Finsternis legte sich über Ada Wiklows Seele, deren letzter Gedanke dem vergitterten Fenster galt. Mit einem schlichten Sprung hätte sie all das hier längst beenden können, wären ihr nicht das Metall und der aktive Nachtäther im Weg gewesen.