Der letzte Sonnenfunke: Enttarnt

»Ist dir eigentlich klar, was für ein verdammtes Glück du hast?«
Tighan O’Brannick schüttelte den Kopf. Eine Strähne schwarzbraunen, leicht gewellten Haares löste sich aus dem im Nacken zusammengebundenen Zopf und fiel ihm ins Gesicht. Er schnaubte ungehalten, als sie in seinem ordentlich gestutzten, dunklen Vollbart hängen blieb und ihn an der Wange kitzelte. Tighan hasste sein langes Haar und er hasste diesen elenden Bart. Es war ihm egal, wenn andere so was trugen. Sollten sie doch herumlaufen wie sie wollten. Damit hatte er nun wirklich kein Problem. Womit er allerdings eines hatte, war er selbst. Dass er für seine Verhältnisse ziemlich verlottert aussah, war notwendig. Nur bedeutete das noch lange nicht, dass es ihm auch gefiel.
Begleitet von einem missmutigen Brummen strich er die aufdringliche Haarsträhne hinters Ohr und rückte das offen auf seinem Schoß liegende Tagebuch zurecht. Mit dem Ende seines Stiftes tippte er ein paar Mal auf das Papier, dann zuckte er die Schultern und widmete sich wieder seiner Zeichnung. Sanftes Kratzen durchdrang die staubige Luft, wobei ein Lächeln über Tighans Gesicht huschte. Wie das Zeichnen gehörte dieser Stift zu den wenigen Dingen, die er liebte. Aber nicht nur deshalb hütete er ihn wie seinen Augapfel. Das gute Stück bestand aus gepresstem Graphit, und schon ein einzelner dieser Stifte war unsagbar teuer. O’Brannick gehörten sechs davon. Sie waren das Mitbringsel einer langen Reise, die er sich zum Zeitpunkt ihres Antritts ebenso wenig gewünscht hatte, wie die seinen Kopf verunstaltende Haarpracht.
Es lag Jahre zurück, dass Tighan auf einem Marktplatz mit Tusche und Feder Portraits fertigen musste, um seine gähnend leere Geldkatze aufzufüllen. Einer seiner ersten Kunden war ein alter Alchemist gewesen. Nach getaner Arbeit hatte der Mann sich das Bild unter den Arm ge-klemmt und O’Brannick ein Stoffbündel in die Hand gedrückt. Er erinnerte sich noch gut daran, was der Alte zu ihm sagte, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwand: ›Ein außerordentlicher Dienst bedarf außerordentlicher Gegenleistung.‹ Damals war Tighan weder die Zeit geblieben, sich für das Bündel zu bedanken, noch hatte er die Gelegenheit bekommen, den für seine Leistung vereinbarten Preis einzufordern. Entsprechend schwer wogen Verwirrung und Ärger. Bald erkannte er jedoch, dass das Geschenk des Alchemisten für ihn wesentlich größeren Wert besaß als ein paar schnöde Münzen. Nie zuvor war ihm ein Zeichengerät in die Finger geraten, mit dem er so schnell und sauber arbeiten konnte. Fortan war er jeden Abend mit einem prall gefüllten Geldsäckchen nach Hause gegangen.
»Lass mich raten«, sagte Tighan. »Du hast nicht die geringste Ahnung, was ich meine. Richtig?«
Erwartungsvoll schaute er auf. Ein wissendes Funkeln machte sich in seinen stahlgrauen Augen breit, als er die über dem Fußende seines Bettes sitzende Spinne betrachtete. Sie war so groß wie seine Hand. Roter, dichter Flaum bedeckte den voluminösen Hinterleib des Tieres. Dessen lange, kräftige Beine trugen locker verteilte Haare derselben Farbe, während sich der abgeflachte, runde Vorderkörper nackt und schwarz präsentierte. Mit ihren acht hinter den imposanten Beißklauen prangenden Augen erwiderte die sogenannte Rote Weberin Tighans Blick und drehte sich ein wenig nach rechts.
›Nein.‹
»Wusste ich’s doch«, schmunzelte er. »Alles andere hätte mich auch gewundert.«
Die Spinne hob die Vorderbeine  und schwenkte sie sachte auf und ab. Dabei schien der durch das Fenster hereinfallende Lichtstrahl den Pelz des Tieres in einen Schauer dunkelroten Blutnebels zu verwandeln. Ein faszinierender Anblick, der in der Vergangenheit sicherlich einer Menge Insekten zum Verhängnis geworden war.
Ungeachtet ihres Namens spann die Rote Weberin für den Beutefang keine Netze, sondern ging auf die Jagd. Das sich bei Bewegung an ihren Haaren brechende Licht lockte das begehrte Opfer an ‒ tja, und dann Lebewohl Gevatter. Abseits der Nahrungssuche glänzte ihre Art dagegen mit perfektionierter Feigheit. Kreuzte etwas den Weg einer Weberin, das größer war als sie selbst, ergriff sie die Flucht. Nicht so jedoch bei Tighan, der das Privileg einer besonders intensiven Verbundenheit zur Tierwelt genoss. Neben einer noch weitaus eindrucksvolleren Fähigkeit war besagte Gabe seit jeher ein fester Bestandteil seines Daseins. Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte waren andere aufgrund derselben Talente bitter zur Kasse gebeten worden. O’Brannicks Rechnung stand aber bis heute offen, und er setzte alles daran, dass es dabei blieb. Schließlich bezahlt niemand gerne mit seinem Leben.
»Wenn du willst, kann ich es dir erklären«, schlug er vor. »Hat was mit Seelen zu tun. Wie ihr Tiere eure bekommt und wie das Ganze mittlerweile bei uns Menschen abläuft.«
Die Spinne zuckte ein Stück nach rechts. ›Kein Bedarf.‹
Auch diesmal wusste Tighan ihre Reaktion richtig zu deuten. »Du scheinst nicht von der redseligen Sorte zu sein, was?«
Ihre Antwort bestand aus einer leichten Linksdrehung. ›Gut erkannt.‹
O’Brannick nickte verstehend. Er beschloss, den Mund zu halten, und konzentrierte sich wieder auf seine Zeichnung. Inzwischen waren auf dem Blatt vier Beine und der halbe Oberkörper der Roten Weberin zu erkennen. Er war gut vorangekommen und hegte die Hoffnung, das Bild fertigzustellen, bevor das Tier die Lust verlor oder ein vorüberkrabbelnder Käfer alles verdarb. Außerdem war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sein Freund und Zimmergenosse Ira O’Mally der in ihrer Unterkunft vorherrschenden Ruhe ein jähes Ende bereiten würde.
Inzwischen lag der Weckruf für die Tagesschicht eine halbe Stunde zurück, und Ira war unmittelbar nach dem Klopfen des Weckburschen zur morgendlichen Aufgabenverteilung gegangen. Als Vorsteher ihrer Jägerloge hielt er es für seine heilige Pflicht, dort einer der Ersten zu sein, der einen gut bezahlten Auftrag ergatterte. Deshalb war es ihm zur Gewohnheit geworden, die Bettwärme schon lange vor der üblichen Weckzeit aufzugeben und sich so früh wie möglich auf den Weg zu machen. Entsprechend zeitig kehrte er zurück. Für O’Brannick ein Grund mehr, sich zu beeilen.
Während er zeichnete, blendete Tighan die Welt um sich herum allmählich aus. Zuerst verblasste das Zimmer samt der spärlichen, aus zwei Betten, einem einfachen Tisch mit zwei Stühlen und zwei schmalen Kleiderschränken bestehenden Einrichtung. Danach stahlen sich die auf der Etage befindlichen Flure und Räume aus seiner Wahrnehmung, die sich hinter der Zimmertür erstreckten. Ihnen folgte das mehrgeschossige Haus, in dem er und Ira wohnten. Dasselbe galt für den Rest des vier weitere Häuser gleicher Bauart zählenden Komplexes, der den Fiagi jer Scáth von Mar-Dinye zur Verfügung stand. Eben jener Gemeinschaft, die die Bürger des Landes Rokhanos vor den Übergriffen fleischgewordener Schatten beschützte und der Tighan seit nunmehr acht Jahren angehörte.
Am Ende vergaß er sogar das. Er schob beiseite, warum er sein Gesicht hinter einem Übermaß an Haaren versteckte. Er verdrängte den Grund, weshalb er seit einer gefühlten Ewigkeit ständig fingerlose Lederhandschuhe trug und mit Ausnahme von Ira gegenüber jedem Menschen den Namen ›Gusvig Jones‹ für sich verwendete. Er dachte nicht mehr daran, dass er vierundsiebzig Lenze zählte, dass er aussah, als wäre er nicht älter als Ende dreißig, und dass er noch immer die körperliche und geistige Verfassung eines etwa zwanzigjährigen Burschen aufwies. All das trieb weit von ihm fort. Für eine Weile gab es nur noch die Rote Weberin, sein Tagebuch, den Graphitstift und ihn.
Als O’Brannick sein Bild mit den letzten Feinheiten versehen hatte und den Stift beiseitelegte, fühlte er sich wie aus einem Traum erwacht. Wie lange hatte er hier gesessen? Eine Stunde? Zwei? Einen Tag? Im ersten Moment hätte er die Frage unmöglich beantworten können, so sehr hatte ihn seine Arbeit gefesselt. Allerdings wusste er aus Erfahrung, dass er für eine kleine Zeichnung wie diese kaum eine Viertelstunde brauchte. Ein Seufzen glitt über Tighans Lippen, während sein Geist viel zu schnell wieder aufklarte. Er hatte die Realität nicht vermisst und wäre ihr gerne noch länger ferngeblieben. Bevor ihn jedoch trübe Gedanken heimsuchten konnten, polterte Ira O’Mally ins Zimmer. Er war sechsunddreißig Jahre jünger, einen knappen Kopf kleiner und von muskulöserer Statur als der drahtig gebaute Tighan. Unter seinem kinnlangen, ständig zerzausten rotbraunen Haarschopf blitzten wachsame, hellgrüne Augen hervor und auf seiner linken Halsseite erstreckte sich eine doppelt fingerlange Narbe. Sie war ein Andenken an Iras erste Begegnung mit einem Scáth. In der Hand hielt O’Mally ein notdürftig wieder zusammengerolltes Pergament, mit dem er Tighan grinsend zuwinkte. Dabei brach ein Stück des unter dem Text aufgedrückten Wachssiegels ab und fiel zu Boden.
Das Siegel war nicht gelb für Wachdienst auf den Feldern. Oder rot für die Eskorte von Boten oder irgendwem sonst in eine der anderen Königsstädte. Auch nicht grün für Patrouillengänge in einem der drei umliegenden Dörfer oder weiß für sonstige anfallende Arbeiten.
Nein, dieses Siegel war blau.
Das bedeutete, O’Mally hatte einen Auftrag für die Jagd auf einen speziellen Scáth mitgebracht.
»Bald platzen unsere Geldkatzen aus allen Nähten, Tigs«, verkündete er feierlich, nur um beim nächsten Atemzug zu erstarren, den Blick fest auf die Wand vor Tighans Bett geheftet. »Bei Gevatter Tods Pisspott!«
»Ich wage zu bezweifeln, dass er so was jemals gebraucht hat«, gab O’Brannick lachend zurück. Sein Einwand wurde geflissentlich ignoriert.
»Wehe du sagst mir jetzt, du hast das Spinnenvieh da noch nicht gesehen!«, rief Ira aus. Er wich einen Schritt zurück und klammerte die freie Hand fest genug um den Türknauf, dass er bei der ersten falschen Bewegung abzubrechen drohte. »Das Ding ist so groß wie ein Teller, verflucht!«
»Ein kleiner Teller.«
»Also hast du sie gesehen!«
»Aye, hab ich.« Lächelnd hielt Tighan sein Tagebuch hoch und präsentierte die aufgeschlagene Seite. »Ich hab sie sogar gezeichnet.«
»Mach das beschissene Buch zu, sonst muss ich kotzen«, stöhnte Ira, der noch blasser um die Nase wurde, als es ohnehin der Fall war. Dann verfiel er ins Jammern. »Acht daumendicke Beine. Und so riesig wie der Deckel von ‘nem Weinfass. Mann, Tigs, du weißt ganz genau, wie ich diese ekelhaften Biester hasse.«
»Mhm«, grinste O’Brannick.
Er betrachtete die reglos auf ihrem Platz hockende Rote Weberin und hob verwundert eine Augenbraue. Sie hätte verschwinden sollen, sobald Ira die Tür aufriss. Aber das Tier war immer noch da. Tighan konnte nicht anders, als der Sache auf den Grund zu gehen. Er rutschte ans Ende seines Bettes und streckte die Hand aus.
»Er fasst es an«, murmelte O’Mally entgeistert. »Bei allem, was ein Mann in die Finger bekommen kann, fasst er ausgerechnet eine Spinne an. Warum geb ich mich eigentlich immer nur mit Verrückten ab?«
»Weil es außer denen kein anderer länger als einen halben Tag in deiner Nähe aushält?«, schlug O’Brannick vor.
Ohne auf eine Antwort zu warten, berührte er den glatten Vorderkörper der Roten Weberin, worauf das Tier wie ein Stein herunterfiel. Begleitet von einem dumpfen Geräusch schlug es auf dem hölzernen Fußboden auf. Ein Blick in Iras Richtung zeigte, dass er einen Satz rückwärts gemacht hatte und nun auf dem Flur stand. Tighan verkniff sich eine passende Bemerkung, obwohl ihm gleich mehrere eingefallen wären. Stattdessen gab er sich mit einem amüsierten Schmunzeln zufrieden, sprang vom Bett und holte die Spinne darunter hervor.
»Tja«, sagte er und betrachtete sie interessiert. Hier hatte das Schicksal überraschend schnell zugeschlagen. »Die ist ziemlich tot, würde ich meinen.«
»Wenn du mich verscheißerst, erschlag ich dich mit deinen dämlichen Stiften«, brummte O’Mally aus sicherer Entfernung.
»Da steht ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken einen Scáth nach dem nächsten erledigt. Aber im Angesicht einer toten Spinne kneift er die Hinterbacken zusammen«, lachte Tighan. Dann setzte er eine versöhnliche Miene auf. »Die rührt sich nicht mehr, Ira. Ehrlich.«
»Der Sonne Gnade sei Dank.« Erleichtert deutete O’Mally zum Fenster. »Wenn du mich glücklich machen willst, wirf das Ding raus.«
»Ich finde, heutzutage sollte man nichts verkommen lassen.«
»Was bitte?«
»Flint«, erklärte O’Brannick. »Der freut sich doch immer über einen Leckerbissen. Ähm ... Wo steckt er überhaupt?«
»Wo soll der um die Zeit schon sein?«
»Unten in der Küche?«
Ira nickte, während er abermals das Pergament schwenkte. »Was hältst du davon, wenn wir uns ein ordentliches Frühstück genehmigen, während wir den Auftrag besprechen?«
Dem Vorschlag konnte Tighan eine Menge abgewinnen. Nachdem er sein Tagebuch versteckt hatte, machten sich die Freunde auf den Weg. Die tote, in ein Tuch gewickelte Rote Weberin nahm O’Brannick in der Hosentasche mit.