Die Nacht der Herbstwende

»He, Arkjen! Bist du tot?« 

Als das unnachgiebige Hämmern an seiner Zimmertür wieder einsetzte, wünschte sich Arkjen Vargos, er wäre es. Der Stadtvorstand hatte ihm die seltene Ehre von drei Ruhetagen gewährt. Um deren Beginn zu feiern, hatte er am vergangenen Abend in der Kopflosen Ente ziemlich tief in den Weinbecher geschaut. Vielleicht sogar in ein ganzes Fass, wenn er genauer darüber nachdachte. Entsprechend rachsüchtig erwies sich der ihn plagende Kater. Dass Vargos nach der Sperrstunde um Mitternacht eine Dirne mit auf sein Zimmer genommen und sie erst gegen Morgengrauen fortgeschickt hatte, machte die Sache nicht besser. Dasselbe galt für das durch die zugezogenen Vorhänge schimmernde Sonnenlicht. Seiner rotgoldenen Farbe nach zu urteilen, konnte er kaum mehr als vier Stunden geschlafen haben. 

»Arkjen? Arkjen!«

Der Erzgezeichnete stöhnte leise auf und langte über die Bettkante. Seine Finger mussten nicht lange suchen, bis sie den Rand eines seiner Stiefel berührten. Verlässliches, altes Schuhwerk. Egal, wie eilig er es hatte, aus den Kleidern zu steigen, die Stiefel standen immer griffbereit neben seiner Schlafstatt. Bereits einen Atemzug später flog der Linke von ihnen durch den Raum und traf krachend die Tür. 

»Verschwinde!«

Zwei Herzschläge lang herrschte Ruhe. Aber der Kerl auf dem Flur dachte nicht daran, aufzugeben.

»Mann, ich bin’s. Marik«, ertönte es versöhnlich hinter dem rotbraunen Holz. 

»Ich weiß!« Polternd schlug der rechte Stiefel gegen die Pforte. »Verschwinde!«

»Hör mal, ich muss gleich zum Wachdienst an die Quelle. Wenn mein Hauptmann rausfindet, dass ich nicht rechtzeitig da war, kann ich mich auf was gefasst machen.« 

»Ich bin dein Hauptmann!«, ächzte Vargos, gab sich geschlagen und stemmte sich in die Höhe.

Schwindel wogte hinter seiner Stirn, sobald er die Füße auf den Boden stellte, und sein Magen fühlte sich an, als hätte er Gelbkäfersäure statt Wein getrunken. Trotzdem musste er schmunzeln. Er mochte zwar ihr Hauptmann sein, aber er war dennoch ein stinknormaler Kerl. Also durften seine Dreißig auch so mit ihm umspringen. Vorausgesetzt, sie stellten seine Befehle nicht infrage und wahrten Disziplin im Dienst. Pünktlich zur Quellwacht anzutreten, gehörte freilich dazu. Da lag Marik Kantra vollkommen richtig.

»Wie spät ist es?«, fragte der Erzgezeichnete, wobei er sich behutsam von der Bettkante erhob. 

»Das morgendliche Siebenfeuer ist fast runtergebrannt.«

Arkjen seufzte gequält. Erstens war Marik wirklich spät dran. Zweitens plagte ihn ein Kater von der Größenordnung eines ausgewachsenen Graslandrinds. Um den loszuwerden, war das bisschen Schlaf, das er genossen hatte, eindeutig zu wenig. Leise murrend wickelte er sich eines der zerwühlten Laken um die Hüfte, schlurfte zur Tür und öffnete sie.

»Tatsächlich. Nicht tot.« Grinsend schlug Kantra dem Erzgezeichneten auf die nackte Schulter.

Bedachte man sein Alter von neununddreißig Jahren, sah Marik immer noch unverschämt gut aus. Er trug seine Quellwächtertracht bestehend aus einem ärmellosen, weißen Hemd, einer scharlachroten Toga und schlichten Sandalen. Das markante, glattrasierte Gesicht trübte kein einziges Fältchen, und das nussbraune, strubbelig kurze Haar war frei von jeglichem Grau.

Eine Woge des Neides suchte Vargos heim. Er kannte diesen Mann seit siebenundzwanzig Jahren. Fünf davon als Lehrling, vier als Quellwächter in einer anderen Truppe, und den Rest als Mitglied der Dreißig. Abgesehen von der wachsenden Zahl der seine Haut zierenden Glyphen, hatte Kantra sich während dieser Zeit kaum verändert. Ganz im Gegensatz zu Arkjen. Ihm sah man seine einundfünfzig Jahre deutlich an.

»Ja, ich lebe noch. Du kannst mich mal«, winkte er missmutig ab. »Ich hab drei Ruhetage, schon vergessen? Was willst du?« 

»Erde und Orâ.« Marik zog eine angewiderte Grimasse und wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. »Du stinkst wie die Sümpfe bei den Himmelsklippen. Was hast du gestern Abend gemacht?«

»Nichts, was meinen Geduldsfaden länger werden lässt«, knurrte Arkjen.

Er spähte zu beiden Seiten an dem Quellwächter vorbei, der seinen Blick richtig deutete. 

»Sim und Tarsin halten den Kutscher für mich auf«, sagte er. »Weißt du, ich hab’s echt eilig. Und denk an meinen Hauptmann.«

»Der ist nicht derjenige, der um den heißen Brei herumtanzt. Also?« 

»Der Stadtvorstand will dich sehen.«

»Warum?«

Kantra zuckte mit den Schultern. »Hat man mir nicht gesagt.« 

»War ja klar. Und wann?«

»Sofort. Vor dem Haus wartet ein Schwebwagen auf dich.«

Arkjen stöhnte auf. »Geister der Jenseitswelt, was hab ich für eine Wahl. Wenn der Stadtvorstand ruft, muss man ihm folgen. Egal, wie viel man letzte Nacht gesoffen hat.« 

»Scheint so«, befand Marik, dessen Schmunzeln eine gewisse Schadenfreude offenbarte. 

»Sonst noch was?«

»Nein, das war alles.«

Der Erzgezeichnete nickte resignierend. »Tja, dann sag dem Fahrer, er soll noch ein bisschen Geduld aufbringen, bis ich runterkomme.« 

»Mach ich.« Kantra grinste frech. »Unter einer Bedingung. Du legst bei meinem Hauptmann ein gutes Wort für mich ein.«

In einer scherzhaften Drohgebärde hob Arkjen die Hand. »Hau bloß ab, du verdammter Drecksack.«

Marik salutierte mit zwei Fingern, machte kehrt und eilte davon. Gähnend warf Vargos die Tür ins Schloss und tappte zur Zimmermitte. Die Entscheidung zwischen dem Waschtisch zu seiner Linken und dem Bett zu seiner Rechten fiel ihm schwer. Schlussendlich begab er sich jedoch zu der Keramikschale, die auf einem mit Handtüchern bestückten Holzgestell thronte. Vargos schaute in den darüber an der Wand befestigten Spiegel. Was er sah, gefiel ihm nicht besonders. 

Das Gesicht, das ihm entgegenstarrte, wirkte faltig und verhärmt. Die hellgrünen Augen lagen tief aber wenigstens wachsam in ihren Höhlen. Zahllose hellgraue Bartstoppeln machten sich bemerkbar. Das kurze, ehemals aschblonde und mittlerweile von schmutziggrauen Strähnen durchzogene Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Neun Glyphen auf seiner Haut ‒ vier auf dem rechten Arm, drei auf dem linken, zwei auf der Brust ‒ glommen in gedämpftem, dunklem Rot. Die zehnte, auf seiner rechten Schläfe sitzende Glyphe leuchtete einige Nuancen heller als die anderen. Er trug das von vielen auch als ›Todesmal‹ betitelte Zeichen, das ihn zum Erzgezeichneten gemacht hatte, seit nunmehr sechs Jahren und damit länger als die meisten seiner Zunft vor ihm. 

Den überwiegenden Teil der Erzgezeichneten raffte der Erdatem zwischen dem ersten und dem vierten Jahr dahin; je nachdem, wie zurückhaltend sie nach dem Erscheinen der zehnten Glyphe mit ihren magischen Fähigkeiten umgingen. 

Vargos hatte in besagten sechs Jahren nichts an seinem Verhalten geändert. Er nutzte den Erdatem, wenn ihm der Sinn danach stand oder die Umstände es erforderlich machten. Über die Konsequenzen dachte er dabei nicht lange nach. 

Trotzdem war er immer noch hier.

»Wenigstens siehst du nur halb so beschissen aus, wenn du am Abend vorher nüchtern geblieben bist«, brummte er seinem Spiegelbild zu. 

Arkjen glitt ein unwilliges Seufzen über die Lippen. Dann warf er das Laken aufs Bett, öffnete Vorhang und Fenster und machte sich an die Arbeit. 

Ein zielgerichteter Gedanke reichte aus, um die einst von ihm gewirkte Schale durch das Fenster verschwinden zu lassen. Mit frischem Wasser gefüllt kehrte sie wieder zurück, worauf er unter Einsatz von Rasierzeug den Bartstoppeln an den Kragen ging. Anschließend setzte er seinem müden Leib mit einer ordentlichen Portion kaltem Nass und Seife zu und rubbelte sich mit einem seiner selbst erschaffenen Handtücher trocken. Die entstandene Sauerei auf dem Boden beseitigte er, indem er das benutzte Handtuch hinwarf, den Fuß darauf stellte und damit über die Dielen wischte. Ein weiterer Gedanke sorgte dafür, dass sich das schmutzige Tuch in Luft auflöste, während er mit den Fingern sein feuchtes Haar in Form strich. Zuletzt benutzte Arkjen eine aus Minzwasser und Nelkenöl hergestellte Mundspülung, die seine Zähne pflegte. Dem schalen Geschmack auf der Zunge hatte die Flüssigkeit allerdings wenig entgegenzusetzen. Dennoch entlockte ihm der neuerliche Blick in den Spiegel ein schiefes Grinsen. Obwohl er weiterhin verkatert wirkte, konnte er sich an ähnliche Tage erinnern, an denen er wesentlich schlechter ausgesehen hatte. 

Ein Frösteln durchfuhr den Erzgezeichneten und rief ihm ins Gedächtnis, dass er wohl kaum nackt vor die Tür gehen wollte. Die auf den einzigen im Raum vorhandenen Stuhl geworfene Quellwächtertracht ließ er unbeachtet. Vielmehr erleichterte er den linker Hand des Waschtischs aufragenden Kleiderschrank um saubere Unterkleidung, ein kurzärmeliges, sandfarbenes Hemd sowie eine schwarze Lederhose und schlüpfte hinein. Danach folgten die Stiefel und ein dünner Mantel aus kastanienfarbenem Glattleder, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbeugen aufkrempelte. Vargos mochte weiß die Herrin kein Angeber sein. Aber die Gelegenheit, einige seiner Glyphen zur Schau zu stellen, hatte er noch nie ausgelassen.